Wenn dein Kind schreit, nein sagt oder scheinbar nicht hört: Erfahre, was wirklich hinter dem Verhalten steckt – und wie du dein Kind besser verstehen kannst.
Ich sage: „Zieh bitte deine Jacke an. Wir müssen los.“
Mein Kind schaut mich an – und wirft die Jacke weg.
Ich sage: „Leg die Schokolade bitte zurück ins Regal.“
Sekunden später liegt mein Kind schreiend auf dem Boden.
Ich sage: „Komm, wir gehen Zähne putzen.“
Und mein Kind läuft ins Zimmer und versteckt sich.
In solchen Momenten schießt vielen Eltern ein Gedanke durch den Kopf:
Warum macht mein Kind das?
Warum hört es nicht?
Warum macht es bei so einfachen Dingen nicht mit?
Und manchmal kommt sogar noch ein anderer Gedanke dazu:
Macht mein Kind das extra?
Wenn sich solche Situationen häufen, entsteht schnell Ratlosigkeit.
Viele Eltern wünschen sich dann vor allem eines: ihr Kind besser zu verstehen.
Ich erinnere mich noch gut an eine Zeit, als meine Tochter etwa vier oder fünf Jahre alt war.
Ich war oft verzweifelt, weil ich mich immer wieder fragte:
Warum mag mich mein Kind offenbar nicht?
Warum macht sie nicht mit?
Warum hört sie nicht auf mich?
Und dann kam dieser Gedanke:
Ich bin einfach keine gute Mama.
Ich bin nicht gut genug, weil ich mein eigenes Kind nicht verstehen kann.
Heute weiß ich:
Mit diesen oder ähnlichen Gedanken sind Eltern nicht allein.
Erst wenn wir beginnen, Verhalten anders zu betrachten, verändert sich plötzlich der Blick auf unser Kind.
Und genau darum geht es in diesem Artikel:
Viele Eltern fragen sich: „Warum macht mein Kind das?“
Hier bekommst du neue Perspektiven, die dir helfen können, dein Kind besser zu verstehen – auch dann, wenn es selbst noch nicht sagen kann, was in ihm vorgeht.

Wenn du mal wieder von deinem Kind denkst:
„Du willst mich doch nur provozieren.“
oder
„Das machst du doch mit Absicht.“
Dann lohnt es sich, die Situation einmal genauer anzuschauen.
Kinder zeigen über ihr Verhalten, was sie fühlen oder brauchen – weil sie ihre Gefühle und Bedürfnisse noch nicht gut in Worte fassen können.
Hier ein Beispiel aus dem Alltag:
Dein Kind sitzt im Zimmer und spielt vertieft mit seinen Puppen.
Für dein Kind ist dieses Spiel gerade wichtig.
Gleichzeitig wird es Zeit, das Haus zu verlassen.
Du rufst:
„Komm bitte, zieh dich an. Wir müssen los.“
Dein Kind reagiert nicht.
Du wirst dringender, gehst vielleicht ins Zimmer und holst dein Kind aus der Spielecke.
Und plötzlich passiert es:
Das NEIN.
Für Eltern wirkt das in diesem Moment oft wie Widerstand.
Doch dein Kind versucht dir etwas zu zeigen:
„Nein, Mama! Ich will das nicht!“ -> Gefühl von Frust
„Ich bin gerade mitten im Spiel.“
→ Bedürfnis nach Spiel und Spaß
Dein Kind hat kein Problem mit dir.
Es hat gerade ein Problem in sich.
Wenn Verhalten eine Form von Kommunikation ist, stellt sich eine wichtige Frage:
Warum zeigen Kinder ihre Gefühle überhaupt über Verhalten?
Ein Grund ist ihre Entwicklung.
Kinder lernen erst nach und nach, ihre Gefühle zu regulieren und ihre Bedürfnisse in Worte zu fassen.
Gerade zwischen zwei und acht Jahren fehlen ihnen oft noch die passenden Worte für das, was in ihnen vorgeht.
Wenn etwas nicht so läuft, wie sie es sich wünschen, reagieren sie deshalb häufig mit starken Gefühlen.
Manchmal endet das in einem Wutausbruch.
Auch wenn sich das für Eltern im Alltag anstrengend anfühlen kann, gehört genau das zu einem wichtigen Entwicklungsschritt.
Kinder lernen in solchen Momenten Schritt für Schritt,
Dieser Prozess braucht Zeit – und Begleitung.
Kinder brauchen Erwachsene, die ihnen zeigen:
Alle Gefühle dürfen da sein.
Auch die lauten, schweren und widersprüchlichen.
Wenn Kinder erleben, dass ihre Gefühle gesehen werden und Erwachsene ihnen helfen, damit umzugehen, entwickeln sie Schritt für Schritt etwas sehr Wichtiges:
Frustrationstoleranz.

Wenn Verhalten ein Ausdruck von Gefühlen und Bedürfnissen ist, stellt sich eine wichtige Frage:
Wie erkenne ich eigentlich, welches Bedürfnis hinter dem Verhalten meines Kindes steckt?
Ein erster Schritt ist, dein Kind zu beobachten.
Schau dir die Situation an, in der dein Kind gerade reagiert.
Spielt es vielleicht vertieft und reagiert deshalb nicht, wenn du zum Zähneputzen rufst?
Dann steht möglicherweise das Bedürfnis nach Spiel und Spaß im Vordergrund.
Oder ihr steht schon im Bad und dein Kind möchte unbedingt selbst die Zahnbürste holen, die Zahnpasta auftragen und die Sanduhr umdrehen.
Dann zeigt sich oft das Bedürfnis nach Autonomie – dein Kind möchte etwas selbst machen.
Und manchmal geht es gar nicht um die Situation selbst.
Dein Kind möchte einfach bei dir sein.
Dann steckt hinter dem Verhalten vielleicht das Bedürfnis nach Nähe.
Hilfreich ist auch zu wissen, welche Bedürfnisse von Kindern in bestimmten Entwicklungsphasen besonders stark sind
Schau ins LilaLiebe® Konzept nach Kathy Weber:
Zwischen zwei und fünf Jahren zeigen sich u.a. Bedürfnisse wie:
Zwischen sechs und acht Jahren werden andere Bedürfnisse wichtiger z.B.:
Wenn Eltern beginnen, diese Bedürfnisse ihres Kindes zu erkennen, verändert sich der Blick auf viele Situationen.
Und genau das hilft dabei, dein Kind besser zu verstehen.
Lange Zeit wurde Verhalten von Kindern vor allem als Frage von Erziehung gesehen.
Wenn ein Kind nicht hörte, viel „Nein“ sagte oder scheinbar nicht mitmachte, galt es schnell als trotzig, ungehorsam oder schwierig. Und die Mutter als unfähig ihr Kind zu erziehen.
Heute zeigen Entwicklungspsychologie und Hirnforschung ein anderes Bild.
Gerade zwischen zwei und acht Jahren entwickelt sich im kindlichen Gehirn sehr viel.
Kinder lernen in dieser Zeit Schritt für Schritt,
Das bedeutet: Wenn ein Kind also laut wird, sich scheinbar verweigert oder immer wieder „Nein“ sagt, steckt dahinter kein böser Wille.
Dein Kind versucht einfach, mit einer Situation umzugehen, die gerade zu groß für seine Fähigkeiten ist.
Und so verändert sich der Blick auf viele Alltagssituationen.
Statt nur zu fragen:
„Warum macht mein Kind das?“
beginnt eine andere Frage:
Was könnte mein Kind gerade brauchen?
Und genau dort beginnt der Weg, dein Kind besser zu verstehen.
Manchmal verändert ein neuer Blick auf unser Kind alles.

Im Alltag kann es helfen, kurz innezuhalten und sich ein paar einfache Fragen zu stellen.
1. Was macht mein Kind gerade?
Schau dir die Situation genau an. Womit ist dein Kind beschäftigt? Was passiert im Moment um euch herum?
2. Wie fühlt sich mein Kind gerade?
Ist es frustriert, müde, aufgeregt oder vielleicht traurig?
3. Welches Bedürfnis könnte dahinterstecken?
Geht es gerade um Autonomie, Nähe, Spiel, Orientierung oder etwas ganz anderes?
Diese drei Fragen helfen dabei, hinter das sichtbare Verhalten zu schauen.
So wird es leichter, dein Kind zu verstehen – auch in Momenten, die im Alltag herausfordernd sind.
Der entscheidende Schritt beginnt mit einem neuen Blick auf dein Kind.
Nicht: Mein Kind macht das gegen mich.
Sondern: Mein Kind versucht mir etwas zu sagen, gleichzeitig kann es das mit Worten noch nicht ausdrücken.
Wenn wir Verhalten so betrachten, wird es leichter, unser Kind zu verstehen und im Familienalltag entsteht oft mehr Ruhe und Verbindung.
Mit lieben Grüßen aus der Giraffensprechstunde
