Dein Kind ritzt sich und Du weißt nicht, was Du tun sollst? Eine Mama erzählt, was wirklich dahintersteckt, warum Du keine Schuld trägst und was Dir jetzt hilft.

Du räumst das Badezimmer auf und findest im Müll blutige Kompressen und Verbandmaterial. Und Du weißt sofort: Das war nicht für Deine Augen bestimmt. Oder Du siehst, dass Dein Kind den ganzen Sommer lange Ärmel anhat und plötzlich fällt Dir auf, warum.
Vielleicht hat es Dich auch kalt erwischt. Du hast die Tür geöffnet und Deine Tochter saß blutend in ihrem Zimmer. Das ist dieser Moment, in dem alles in Dir einfriert.
Kann das wahr sein? Was mache ich jetzt? Warum macht sie das?
Wenn Du gerade in genau diesem Moment bist, oder wenn Du schon länger damit lebst und immer noch nicht weißt, wie Du mit selbstverletzendem Verhalten umgehen sollst, dann ist dieser Artikel für Dich. Ich habe keine 0-8-15-Antworten für Dich. Ich gebe Dir einen ehrlichen Bericht von mir als einer Mama, die es selbst erlebt hat.
📌 Das solltest Du wissen
Ritzen gehört zum selbstverletzenden Verhalten — kurz SVV.
Jugendliche schneiden oder kratzen sich meist an Armen oder Oberschenkeln. Manche verbrennen sich mit Zigaretten oder heißen Gegenständen. Es gibt viele Formen.
Was Ritzen nicht ist: In den allermeisten Fällen ist es kein Suizidversuch. Dein Kind will nicht sterben.
Die Ursachen können sehr unterschiedlich sein. Manche Jugendliche probieren es aus, ohne einen tieferen psychischen Hintergrund. Andere spüren sich selbst nicht mehr, fühlen sich wie taub von innen. Wieder andere tragen einen inneren Schmerz, den sie nicht in Worte fassen können. Und manchmal steckt eine psychische Erkrankung dahinter.
Es gibt selten den einen Grund. Und Du wirst ihn von außen oft nicht sehen können.
Wie häufig ist es? Studien zeigen: 10 bis 25 % aller Jugendlichen in westlichen Ländern haben mindestens einmal selbstverletzendes Verhalten gezeigt. Mädchen häufiger als Jungen.
Wichtig: Äußert Dein Kind Selbstmordgedanken — ruf sofort die 112.
Jugendliche sind wahre Meister darin, es zu verstecken. Oft merkst Du es lange nicht.
Achte auf diese Zeichen:
• Kein Schwimmbad, kein Strand, kein T-Shirt — egal wie warm es ist
• Pflaster oder Verbände, die Du Dir nicht erklären kannst
• Blutige Kompressen oder Verbandmaterial im Müll
• Rückzug, verschlossene Türen, immer mehr Zeit alleine
• Rasierklingen, Scheren oder andere scharfe Gegenstände verschwinden aus dem Bad
Das ist die Frage, die Mamas am meisten quält. Und sie ist so schwer zu beantworten, weil die Antwort das ist, was wir am wenigsten hören wollen:
Es hat nichts mit Dir zu tun.
Ritzen ist ein Versuch, mit etwas umzugehen, das sich von innen unerträglich anfühlt.
Viele Jugendliche beschreiben einen inneren Druck, der kaum auszuhalten ist. Das Gefühl, völlig überfordert zu sein. Gefühlsschwankungen, die sich wie Wellen über sie hinweg spülen. Manchmal auch das Gegenteil: totale Taubheit. Sie fühlen gar nichts mehr und der Schmerz von außen lässt sie wieder spüren, dass sie da sind.
Kinder verletzen sich, um Schmerz zu spüren. Um sich zu spüren. Der äußere Schmerz macht den inneren Schmerz für einen Moment erträglicher.
Das verstehen wir als Mamas meistens nicht (außer es ging uns selbst so). Das müssen wir aber auch nicht.
Meine Tochter hat sich vor ein paar Jahren geritzt. Heute ritzt sie nicht mehr, weil sie anders damit umgehen kann. Und sie hat mir erlaubt, Dir das hier zu erzählen.
„Ich habe mich geritzt, damit der äußere Schmerz den inneren Schmerz übertönt. Dann geht der innere Schmerz weg und ich fühle mich freier, weil der äußere Schmerz größer ist als der innere. Manchmal ist es einfach nur die Anspannung oder die Gefühlsschwankungen sind nicht mehr auszuhalten.“
Sie kneift sich manchmal, um sich zu regulieren. Oder sie kauft richtig viel ein. Auch das sind Wege, mit dem Druck umzugehen und sie zeigen, wie tief dieser Druck wirklich sitzt.
Was ihr in der Therapie wirklich geholfen hat, um sich nicht mehr selbst zu verletzen, aber trotzdem dem inneren Schmerz zu entgehen, ist die Finalgon-Salbe als sogenannter “Skill”. Diese Salbe erzeugt einen Wärmeschmerz. Der ähnelt dem Ritzschmerz, ohne eine Wunde zu hinterlassen. Diesen Skill setzen auch Kliniken ein.
Und noch etwas sagte sie: “Die dünnen, oberflächlichen Schnitte reichen irgendwann nicht mehr. Die Schnitte werden immer tiefer, sodass die Wunde unter Umständen genäht werden muss.”
Auf die Frage, ob ich von außen hätte etwas tun können, sagte sie:
„Nein. Wenn du gesagt hättest, tief ein- und ausatmen, wäre ich wahrscheinlich ausgerastet. Der Druck kommt von innen. Da kann von außen niemand etwas tun. Außer vielleicht einen Skill anbieten. Einfach nur da sein und nicht so viel dummes Zeug reden.“
Und was gar nicht geht? Sie kennt Kinder, bei denen Eltern auf die Schnitte geschlagen haben oder Desinfektionsmittel draufgemacht haben, damit es brennt — in der Hoffnung, dass sie damit aufhören. Das bringt gar nichts, im Gegenteil, es macht alles schlimmer. Der innere Druck wird dadurch größer.
Ich erzähle Dir, wie es mir ging. Weil ich glaube, dass Du Dich darin wiederfindest.
Meine Tochter hat das Ritzen in der Klinik bei anderen gesehen und ausprobiert. Ich habe es am Anfang nicht ernst genommen. Ich dachte: Das tut weh. Damit hört sie ganz schnell wieder auf.
Aus der Klinik habe ich kommentarlos eine A4-Liste mit Skills mitbekommen. Skills?! Keine Erklärung. Kein Gespräch. Kein „Was bedeutet das?“ Ich war verärgert und überfordert zugleich. Wir sind damit einkaufen gegangen, als wäre nichts gewesen.
Und dann wurde es schlimmer. Plötzlich immer wieder Verbände am Arm. Blutige Kompressen im Müll. Ich habe ihr Zimmer durchsucht, um alle Ritzwerkzeuge zu finden. Ich habe alles versucht. Und sie hat es immer wieder getan.
Ich war machtlos. Hilflos. Irgendwann ohnmächtig. Ich habe es einfach nicht verstanden.
Mein süßes kleines Baby zerstört mit Absicht ihren Körper. Wie soll eine Mama das verstehen? Wie soll eine Mama das mit ansehen?
Vielleicht kennst Du dieses Gefühl. Diese Mischung aus Schock, Panik, Scham, Wut und totaler Hilflosigkeit. Die schlaflosen Nächte. Die Frage, die nicht aufhört: Hätte ich es früher sehen müssen?
Du bist keine schlechte Mama. Du bist eine Mama in einer Situation, auf die niemand vorbereitet ist.
Das ist der wichtigste Satz dieses Artikels. Auch wenn er nach Floskel klingt. Ich meine ihn ernst.
Lass den Gedanken einen Moment wirklich zu: Du kannst es nicht verhindern. Der Druck kommt von innen. Da kann von außen in dem Moment niemand etwas tun.
Vielleicht fragst Du Dich auch: Woher kommt dieser Druck überhaupt? Habe ich etwas falsch gemacht?
Manchmal geht ein Streit voraus oder ein schwieriger Abend. Und dann liegt es nah zu denken: Ich war der Auslöser, ich hätte nichts sagen sollen. Das stimmt nicht. Was Du gesehen hast, ist ein Kind, das in diesem Moment nicht wusste, wie es anders mit seinen Gefühlen umgehen kann.
Alles kann ein Anlass sein. Ein Streit. Ein blöder Blick. Ein schwieriger Tag. Dein Kind kennt in diesem Moment einfach keinen anderen Weg.
Und trotzdem schweigen so viele Mamas. Aus Angst, der Anlass zu sein. Aus Angst, dass sich das Kind wieder verletzt, wenn sie jetzt etwas sagen. Ich kenne das, weil ich es genauso gemacht habe.
Du kannst alle Rasierklingen aus dem Haus schaffen, sie findet einen anderen Weg. Du kannst jede Stunde präsent sein. Es hält sie nicht auf.
Weil diese Situation unlösbar ist.
Das zuzulassen — diesen Gedanken wirklich zuzulassen — ist eine der schwersten Dinge, die eine Mama tun kann. Weil wir doch alles für unsere Kinder tun wollen.
Und trotzdem: Deine Aufgabe ist es nicht, das Ritzen zu stoppen. Deine Aufgabe ist es, das Unlösbare auszuhalten und Dein Kind zu begleiten.
Ich kann Dir keine „5 Schritte, damit Dein Kind aufhört sich zu ritzen“ geben.
Meine Tochter hat es selbst gesagt: Es hilft nur: Da sein. Nicht viel reden. Die Verbindung halten ohne Vorwürfe, ohne Fragen.
Wenn Du merkst, dass Dein Kind gerade unter Druck steht: Frag vorsichtig, ob Du einen Skill anbieten darfst. Frag, was Dein Kind in diesem Moment braucht. Und wenn die Antwort ist „gar nichts“, dann ist „gar nichts“ auch eine Antwort, die Du aushalten darfst.
Und dann: Kümmere Dich um Dich selbst. Mach das nicht alleine mit Dir aus. Du brauchst jemanden, der Dir zuhört, der emotional nicht so tief drin steckt wie Du.

Mein Tipp: Fang beim Kinderarzt an. Er kennt dein Kind, kann dich beraten und begleitet euch auf dem Weg zur passenden Hilfe.
Das ist das Richtigste, was Du tun kannst. Auch wenn Dein Kind das blöd finden wird.
Vielleicht fühlst Du Dich seit Wochen oder Monaten alleine. Die Angst. Die Anspannung, die nicht mehr weggeht. Die Schuldgefühle. Das Gefühl, ständig auf der Hut sein zu müssen.
Für Dich als Mama habe ich etwas vorbereitet.
Mein Leitfaden „Ruhe statt Panik“ sagt Dir Schritt für Schritt, was Du in den ersten Minuten tust, wenn Dein Kind sich verletzt hat: Wie Du die Wunde versorgst, welche Sätze helfen, was Du Dir selbst in diesem Moment gibst und wo Du Dich melden kannst, wenn Du nicht mehr weiterweißt. Damit Du nicht alleine im Schock stehst.
Wenn Du gerade mittendrin bist — ich sehe Dich. Du gibst Dein Bestmögliches. Du bist einfach in einer Situation, auf die keine Mama vorbereitet ist.
Alles Liebe
Deine

In den allermeisten Fällen nein. Selbstverletzendes Verhalten ist kein Wunsch zu sterben. Es ist ein Versuch, inneren Druck zu regulieren. Äußert Dein Kind jedoch Selbstmordgedanken: Ruf sofort die 112.
Selbstverletzendes Verhalten zeigt sich auf sehr unterschiedliche Weise. Die häufigsten Formen bei Kindern und Jugendlichen sind:
Nicht im akuten Moment. Warte eine ruhige Situation ab, beim Zähneputzen, vor dem Einschlafen oder im Auto. Im Auto muss Dein Kind Dich nicht anschauen. Und es weiß: Gleich kann ich aussteigen.
Fang mit Dir an: „Mir ist aufgefallen…“ oder „Ich mache mir Sorgen…“ oder „Ich habe Angst.“ Keine Vorwürfe. Keine Fragen.
Die ehrliche Antwort: Vielleicht nicht. Oder Dein Kind findet einen anderen Weg, mit dem Schmerz umzugehen. Die Antwort, die Du Dir wünschst — tu A und es hört auf — die gibt es nicht.
Wichtig ist, dass dein Kind frühzeitig Hilfe bekommt.
