„Nach dem Suizidversuch meiner Tochter musste ich handeln. Ehrlich über Schuldgefühle, Kontrollverlust und die Frage, was eine Mutter wirklich ausmacht.“
Nach einem Suizidversuch lag meine Tochter auf einer Station der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Sie war akut gefährdet. Doch sie wollte nicht bleiben.
Das bedeutete: Ich musste den Antrag auf Unterbringung bei Gericht stellen.
Vielleicht fragst Du Dich jetzt: Wieso Gericht? Du bist doch die Mutter. Wenn ein Kind gegen seinen Willen in der Klinik bleiben soll, reicht das Sorgerecht nicht aus. Eine Unterbringung zum eigenen Schutz ist ein so großer Eingriff, dass Eltern das nicht allein entscheiden dürfen. Ein Familiengericht muss zustimmen. Deshalb musste ich als Mutter aktiv beantragen, dass mein eigenes Kind bleibt (Informationsblatt § 1631b BGB).
Ich kenne dieses Prozedere aus meiner eigenen Arbeit mit Erwachsenen. Gleichzeitig hat es sich bei meiner eigenen Tochter völlig anders angefühlt. Das eigene Kind gegen seinen Willen in der Klinik lassen? Das war ein furchtbares Gefühl.
Tausend Fragen schwirrten durch meinen Kopf. Schuldgefühle. Angst keine gute Mutter zu sein.

Seit es begann, dass es meinem Kind schlecht ging, habe ich mir über Jahre die gleichen Fragen gestellt: Was habe ich falsch gemacht? Was kann ich anders machen?
Die erste Diagnose war ADHS. Schon da war mir klar: Das ist nicht der Grund, warum es ihr so schlecht geht. Ernst genommen hat mich niemand. Ich begab mich weiter auf die Suche.
Es folgten verschiedene Therapeuten. Aussagen von Ärzten wie: „Kinder mit Bauchschmerzen haben Mütter mit Depressionen.“ haben mich hilflos und ohnmächtig zurückgelassen.
Irgendwann hatte ich an vermeintlich allen Orten gesucht. Ich hatte alles ausprobiert. Und so dachte ich: “Ich finde nichts. Dann kann es ja nur an mir liegen.”
Ihre Aggressionen, die Wut und auch ihre Verzweiflung. All das hat sich für mich angefühlt, als würde es sich gegen mich richten. Ich konnte damals nicht sehen, dass sie das alles für sich tat. Dass das ein verzweifelter Versuch war zu zeigen, dass sie Hilfe braucht.
Über all die Jahre war ich überzeugt: Wenn ich endlich herausfinde, was ihr fehlt, wird alles besser. Dann kann ich ihr helfen. Dann finde ich die richtige Therapie und es ist nicht mehr ganz so schlimm.
Für mich war das Warum der Heilige Gral, den es zu finden galt.
Irgendwann fand ich ihn tatsächlich. Und für ein paar Wochen war auch wirklich alles besser. Wir konnten miteinander reden. Ich war erleichtert, es lag nicht an mir.
Schlimmer noch: Es hatte gar nichts mit mir zu tun.
Und dann das Erwachen: Die Besserung war nicht nachhaltig. Im Gegenteil. Unsere Situation verschlimmerte sich obwohl ich mein Warum hatte und ich wusste, was zu tun wäre.
So rutschte ich von „Wenn ich das Warum kenne“ weiter zu „Ich muss nur die richtige Therapie finden, dann wird alles besser.“
Hier dachte ich: Jetzt habe ich alle Karten in der Hand.
Ich bin Krankenschwester, mit jahrelanger Erfahrung in der Versorgung psychiatrieerfahrener Menschen. Ich kenne Medikamente, Therapien, Kliniken. Ich wusste, was theoretisch helfen konnte.
Doch meine Tochter sagte zu allem Nein. Zum Teil sprach sie nicht einmal mit den Therapeut*innen.
Und so war auch mein letzter Trumpf dahin: mein Fachwissen. Ich fühlte mich dem allen hilflos ausgeliefert.
Auf der einen Seite wusste ich genau: Es ist richtig, ein Mädchen nach einem Suizidversuch unterzubringen, wenn sie sich nicht behandeln lassen will. Auf der anderen Seite war da die Mama in mir, die dachte: Das kannst Du doch nicht machen. Dein eigenes Kind gegen seinen Willen in der Klinik lassen.
Das Kind, das nach Dir schreit. „Mama, bitte, bitte lass mich nicht hier.“ Das Dir verspricht, dass es nicht wieder passiert.
Ich wusste, ich konnte ihr dieses Versprechen nicht glauben, weil ich genau sah: Sie war noch mittendrin. Sie sah keine Notwendigkeit, sich behandeln zu lassen. Von ihren Suizidgedanken nahm sie keinen Abstand.
Und so musste ich tun, was sich anfühlte wie das Gegenteil von Mama-Sein: den Antrag stellen, dass sie bleibt. Gegen ihren Willen.
Wenig später stand ein Richter auf der Station, um mit ihr zu sprechen. Sie wusste genau, wer das veranlasst hatte. Ich.
Für unsere Beziehung war das eine Katastrophe. Sie konnte in diesem Moment nicht sehen, dass ich ihr nur helfen wollte. Und ich hatte ein unheimlich schlechtes Gewissen, was das mit unserer Mutter-Tochter-Beziehung macht.
Ich war nie eine schlechte Mama. Ich bin es nicht.
Bis ich das wirklich glauben konnte, hat es lange gedauert.
Jede Mama kennt diesen Gedanken irgendwann: Ich bin nicht gut genug. Warum schaffen das alle anderen, nur ich nicht?
Bei mir ging das weiter. Ich bin keine gute Mama, das war für mich keine Frage mehr. Das war eine Überzeugung.
In der Familientherapie fing meine Haltung an, sich zu wandeln. Wirklich glauben konnte ich es erst später, in der Ausbildung zur LilaLiebeⓇ Beraterin nach Kathy Weber. Im Austausch mit anderen Mamas begegneten mir zwei Grundannahmen der Gewaltfreien Kommunikation, die alles veränderten: Jede gibt in jedem Moment ihr Bestmögliches. Manchmal ihr Einzigmögliches. Und: Es gibt kein Richtig oder Falsch.
Ich kann nicht sagen, ob alle meine Entscheidungen richtig waren. Gleichzeitig weiß ich: Zum damaligen Zeitpunkt war es meine Sicht von richtig.
Mein Bestmögliches sah so aus:
Grenzen zu setzen. Das darfst Du. Das solltest Du auch. Dazu gehört auch, Nein zu sagen, besonders, wenn die Situation zuhause nicht mehr tragbar ist.
Das Unlösbare auszuhalten. Manchmal das Unaussprechliche. Das Schreien und die Beschimpfungen auszuhalten, im Wissen: Das alles hat nichts mit mir zu tun. Mein Kind hat gerade keine andere Möglichkeit, sich zu regulieren oder sich mitzuteilen.
Seitdem sind einige Jahre vergangen. Bei uns zuhause ist es deutlich ruhiger geworden.
Meine Tochter ist volljährig und geht inzwischen freiwillig zur Therapie. Sie geht ihren Weg.
Und ich kann nach all der Zeit mehr oder weniger entspannt damit umgehen. Unsere Beziehung findet wieder statt. Gleichzeitig ist sie extrem empfindlich.
Denn eins gehört auch zur Wahrheit: Eine psychische Erkrankung, die über Jahre unbehandelt blieb, verschwindet nicht einfach.
Vielleicht erkennst Du Dich in einem dieser Gedanken wieder. Vielleicht suchst Du gerade selbst nach dem Warum oder nach der einen richtigen Therapie. Du bist mit all dem nicht allein.
Zeigt sich die Verzweiflung Deines Kindes eher durch Ritzen oder anderes selbstverletzendes Verhalten? Hier findest Du, was dahintersteckt und wie Du Deinem Kind beistehen kannst. Artikel „Kind ritzt sich“
Im Audio-Bundle „Ich bin nicht allein“ findest Du Stimmen und Impulse für genau die Momente, in denen Du Dich allein fühlst mit dem Gedanken, keine gute Mutter zu sein.
Du bist nicht allein.
Alles Liebe
Deine


Nein. Nicht-Wissen heißt nicht Versagen. Manchmal gibt es kein eindeutiges Warum, auf das Du Dich verlassen kannst. Du darfst suchen und trotzdem nicht finden. Das zeigt, wie kompliziert die Situation Deines Kindes gerade ist.
Allein diese Frage zeigt, wie sehr Du in Sorge bist, etwas falsch zu machen. Als wärst Du nur dann eine gute Mama, wenn Du perfekt bist. Wenn Du alles weißt, alles aushältst und immer alles mitmachst. Genauso gut kannst Du das Gegenteil von all dem tun und eine gute Mama sein.
Schau hin, welches Gefühl wirklich dahintersteckt. Vielleicht ist es Sorge um die Gesundheit Deines Kind. Diese Sorge geht nicht weg, nur weil Du darüber sprichst. Gleichzeitig wird es leichter, wenn Du sie nicht allein aushältst.
Auch hier darfst Du genau hinschauen: Was steckt hinter Deinen Schuldgefühlen? Zum Beispiel Scham oder ein alter Glaubenssatz. Wie zum Beispiel: „Mamas müssen alles richtig machen, und wenn sie sich gut kümmern, darf so etwas nicht passieren.“ Manchmal ein Muster aus Deiner eigenen Kindheit. Schuldgefühle als normal anzusehen oder als Zeichen von Liebe abzutun greift zu kurz.
Nimm es ernst, auch wenn es schwer auszuhalten ist. Sprich mit Deinem Kind, ohne Vorwurf, und hol Dir Unterstützung — beim Kinderarzt, bei einer Klinik oder am Telefon.
Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr für Dich erreichbar unter 0800 111 0 111. Dein Kind kann sich anonym an die Nummer gegen Kummer wenden: 116 111, Mo–Sa 14–20 Uhr. Bei akuter Gefahr ruf den Notdienst unter 112.