Dein Kind dissoziiert und Du weißt nicht, was Du tun sollst? Was in den Notfallkoffer gehört, welche Skills bei Dissoziation helfen und wovon ich abrate.
Du weißt inzwischen, was mit Deinem Kind passiert. Dissoziation steht im Bericht, Fachleute haben es Dir erklärt.
Was Dir niemand erklärt hat: Was machst Du, wenn es passiert?
Du stehst daneben und redest. Dein Kind hört Dich nicht. Du wartest ab, weil Dir nichts anderes einfällt. Irgendwann kommt es von selbst zurück und Du weißt bis heute nicht, ob Du etwas hättest tun können.
Du kannst etwas tun. Dafür gibt es den Notfallkoffer. Hier erfährst Du, was hineingehört, wer ihn zusammenstellt und welche Regeln dabei gelten.
Mit den Dingen aus dem Notfallkoffer holst Du Dein Kind zurück ins Hier und Jetzt.
Ein Notfallkoffer ist eine Sammlung von Dingen und Übungen, die Dein Kind zurück ins Hier und Jetzt holen.
Er heißt Koffer und ist selten einer. Manchmal ist es eine Box im Regal. Manchmal eine kleine Tasche, die mitgeht. Manchmal ein Zettel in der Hosentasche.
Zwei Sorten Inhalt kommen zusammen:
Die Angst Deines Kindes wächst. Irgendwann wird sie zu groß. Dann schaltet sein Gehirn ab.
Levine und Kline vergleichen das mit der Sicherung im Stromkasten. Sie springt heraus, damit die Leitungen nicht durchbrennen und das Haus nicht brennt. Genau das macht Dissoziation. Dein Kind spaltet ab, was es nicht aushält. Die Erinnerung verschwindet aus seinem Alltag, als hätte es sie nie gegeben.¹
Dein Kind entscheidet sich nicht dafür. Es passiert.
Meist sieht das unauffällig aus. Dein Kind wirkt kurz wie weggetreten, wie beim Tagträumen. Selten dauert es länger und ganze Zeiträume fehlen danach.
Die mildeste Form davon ist, dass Dein Kind alles von sich wegschiebt. Du fragst, wie es ihm geht. Es sagt: „Mir geht’s gut.” Oder: „Alles in Ordnung.”
Diesen Satz habe ich von meiner Tochter oft gehört. Ich höre ihn bis heute.
Du hörst ihn vielleicht nicht nur von Deinem Kind. Ärzt*innen und Psycholog*innen sagen manchmal dasselbe: Das gibt sich, das wird wieder. Levine und Kline schreiben, dass auch Fachleute eine Dissoziation übersehen können. Aus meiner Sicht gehört das gesagt.
Dein Kind wirkt ruhig. Innerlich ist es hoch erregt, ohne davon zu wissen.
Ein Geräusch reicht. Ein Geruch. Manchmal nur die Jahreszeit, in der etwas passiert ist. Dann bricht alles auf einmal los.
Für genau diesen Moment braucht Ihr den Notfallkoffer.
Du bist Dir noch nicht sicher, ob hinter dem Verhalten Deines Kindes ein Trauma steckt? Darüber habe ich einen eigenen Artikel geschrieben: Trauma bei Kindern erkennen
Zurück kommt Dein Kind über die Sinne. Etwas von außen ist stark genug, um durchzudringen, und harmlos für den Körper.
Die Dissoziation zeigt sich in zwei Richtungen. Was bei der einen hilft, macht die andere schlimmer. Darum schaust Du erst hin und greifst dann zum Koffer.
Aufgedreht. Dein Kind ist zappelig und getrieben. Es redet schnell oder schreit. Der Körper steht unter Strom. Jetzt brauchst Du Ruhe, und zwar von Dir zuerst: leise sprechen, langsam sprechen, kurze Sätze. Atme langsam vor, Dein Kind geht mit, ohne dass es das merkt. Alles Laute und Schnelle lässt Du hier weg.
Erstarrt. Dein Kind sitzt da und reagiert nicht. Es hört nicht, antwortet nicht, schaut durch Dich hindurch. Jetzt hilft Bewegung: aufstehen, ein paar Schritte, raus an die Luft, kaltes Wasser über die Hände.
Bevor Du Dein Kind anfasst, sagst Du es:
„Ich berühre Dich jetzt am Arm.”
„Ich nehme Deine Hand.”
„Wir gehen jetzt raus.”
Diese Sätze sind der eigentliche Skill — so heißt in der Fachsprache eine Fertigkeit, die im Notfall greift. Sie kommen an, auch wenn Dein Kind nicht antwortet, und machen den Unterschied zwischen einer Berührung, die zurückholt, und einer, die erschreckt.
Pack davon zusammen, was Dein Kind mag. Nicht, was auf einer Liste steht.
Drei davon gelten nur bei Erstarrung. Bei Übererregung lässt Du sie weg.
Der Koffer allein macht nichts. Was zählt, ist, wie Du ihn benutzt.
In der Dissoziation ist Dein Kind nicht bei sich. Es braucht jemanden, der da ist und bleibt, bis es zurück ist.
Du probierst etwas aus dem Notfallkoffer aus und es wirkt nicht. Rechne mit ungefähr drei Minuten, danach nimmst Du etwas anderes aus dem Koffer.
Mach nicht weiter, nur weil es beim letzten Mal geholfen hat. Was gestern gewirkt hat, wirkt heute vielleicht nicht.
Drei Dinge gibst Du Deinem Kind, während Du dabei bist:
Sicherheit — Du bist da, es passiert nichts.
Grenzen — Du hältst Dein Kind zum Beispiel fest, wenn es sich oder andere sonst verletzt.
Orientierung — Du sagst, wo Ihr seid, was gerade passiert, wie spät es ist.
Sprich es aus:
„Ich bin da.”
„Du bist in Sicherheit.”
Dein Kind braucht in diesem Moment Sicherheit und Schutz. Darum wirken diese Sätze.
Als Mama gibst Du die Richtung vor. Wie viel Dein Kind mitentscheidet, hängt von seinem Alter ab und von der Situation.
In der Dissoziation entscheidet es meistens nicht mit. Es kann gerade nicht wählen, nicht abwägen, nicht sagen, was es braucht. Es ist nicht erreichbar.
Also sagst Du an, was passiert. Du führst. Du bleibst dabei, bis Dein Kind zurück ist. Und Du holst es heraus. In diesem Zustand bleibt es nicht.
So wie Du Dein Kind von der Straße ziehst, ohne vorher zu fragen.
Dein Kind kommt gar nicht zurück. Oder Du bekommst Angst. Dann rufst Du die 112.
Das ist die richtige Entscheidung in dieser Situation.
Geht es Dir um eine Frage und die Lage ist nicht akut, erreichst Du den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter 116 117.
Ammoniak-Ampullen. Diese stehen in manchen Anleitungen für den Geruchssinn. Sie können die Nasenschleimhaut angreifen. Nimm Riechöle.
Eiswürfel in der Hand halten. Der Eiswürfel kommt aus einem anderen Zusammenhang: Beim Ritzen soll er Schmerz machen, als Ersatz. Hier geht es um die Kälte, die Dein Kind zurückholt. Verletzen soll es sich dabei nicht.
Eis direkt auf der Haut kann Kälteverbrennungen hervorrufen. Das passiert schneller, als die meisten denken, und hinterlässt Wunden. Nimm kaltes Wasser, ein nasses Tuch, einen Gang nach draußen.
Die Regel dahinter gilt für alles im Koffer: Es soll wecken. Es soll keine Spuren hinterlassen.
Was Deinem Kind hilft, lässt ein anderes kalt. Es gibt keine Liste, die für alle passt. Und Du brauchst nicht nur die Dinge, Du brauchst das Wissen dahinter: Woran erkennst Du, was gerade passiert? Was wendest Du wann an? Wann hörst Du auf?
Das Handout, aus dem ich arbeite, trägt über der Überschrift einen Hinweis: für Therapeuten, Berater, Pädagogen. Den Koffer erarbeitet Ihr. Kaufen lässt er sich nicht.²
Darum stellst Du ihn gemeinsam mit den Fachkräften zusammen, die Dein Kind kennen — Therapeut*innen, Berater*innen, Pädagog*innen. Frag im nächsten Termin danach. Trotzdem schreibe ich Dir das hier auf. Denn Du stehst daneben, wenn es passiert
In der Dissoziation lässt sich nichts mehr erarbeiten. Was dann hilft, entsteht vorher, an einem Tag, an dem es gut geht. Diese Übungen erarbeitet zum Beispiel eine Therapeutin oder Beraterin mit Deinem Kind. Dein Teil ist zu wissen, dass es sie gibt.
Der innere sichere Ort. Ein Ort im Kopf, an dem nichts passieren kann. Ausgedacht oder erinnert. Besucht Dein Kind ihn oft genug, findet es ihn auch dann, wenn es schwer wird.
Die innere Helferübung. Jemand, der zur Seite steht. Eine Figur, ein Tier, ein Wesen aus der Fantasie. Keine Person, die es wirklich gibt, denn die kann sich ändern, wegziehen oder enttäuschen.
Abstand zum inneren Gepäck. Was Dein Kind belastet, bekommt einen Platz außerhalb. Es verschwindet nicht, es rückt weg.
Positivlisten mit Symbolen. Was Deinem Kind gut tut, kommt auf eine Liste und bekommt ein Bild dazu. Das Bild erreicht Dein Kind, wenn Worte nicht mehr ankommen.
Der kostet nichts und Du kannst heute damit anfangen.
Du legst Listen an und platzierst sie dort, wo Ihr sie im Ernstfall findet. Am Kühlschrank. Im Portemonnaie. Neben dem Bett.
Darauf steht:
Mitten in der Dissoziation fällt niemandem etwas ein. Die Liste erinnert sich für Euch.
Du sagst an, Du führst, Du wartest, bis Dein Kind zurück ist.
Und danach?
Danach bist Du selbst voller Anspannung. Dein Körper hat die ganze Zeit mitgemacht. Das löst sich nicht auf, weil die Situation vorbei ist.
Thymusdrüse klopfen. Mit den Fingerkuppen auf die Mitte Deines Brustbeins klopfen, ein bis zwei Minuten lang. Sag dazu, was für Dich stimmt: „Ich bleibe bei mir.” Oder: „Ich bin in Sicherheit.” Das beruhigt und Du kannst es überall machen.
Dazu alles, was bei Dir wirkt: rausgehen, kaltes Wasser übers Gesicht, laut ausatmen, Dich hinlegen.
Eine Selbsthilfegruppe für Angehörige. Andere Eltern, die wissen, wovon Du redest. Deine eigene Begleitung.
Niemandem erklärst Du, warum Dich das mitnimmt. Die, die es kennen, verstehen es sofort.
Ich arbeite seit über zwanzig Jahren mit psychiatrieerfahrenen Menschen. Ich wusste längst, was eine Dissoziation ist.
Trotzdem habe ich bei meiner eigenen Tochter nicht erkannt, dass sie gerade eine erlebt. Ich habe nicht gesehen, was mit ihr passiert. Und ich wusste nicht, dass ich sie da herausholen kann.
Vor fünf Jahren nicht. Vor zehn Jahren nicht. Genau in den Jahren, in denen sie es gebraucht hätte.
Das Wissen, das hier steht, habe ich erst danach bekommen. Deshalb schreibe ich es auf.
Du sollst es haben, wenn Du das nächste Mal daneben stehst.

Dafür gibt es mein Kennenlerngespräch. Kostenlos, und danach entscheidest Du frei, ob mehr daraus wird. Wir schauen, wo Du gerade stehst und was Dir als Nächstes hilft.
Mit lieben Grüßen aus der Giraffensprechstunde


Was gehört in einen Notfallkoffer bei Dissoziation?
Alles, was über die Sinne wirkt und in den Koffer passt: Riechöle wie Lavendel oder Zitrone, etwas Scharfes oder Saures zum Schmecken, ein Akupressurring, ein Igelball, Fidget Toys, Knete. Dazu Listen mit Sätzen, Übungen und Telefonnummern. Was genau hineingehört, hängt davon ab, was bei Deinem Kind wirkt.
Ab welchem Alter kann mein Kind einen Notfallkoffer haben?
Eine feste Altersgrenze gibt es nicht. Bei kleinen Kindern liegt der Koffer bei Dir und Du wendest an. Je älter Dein Kind wird, desto mehr entscheidet es selbst mit. Manche Jugendliche sagen irgendwann vorher Bescheid, wenn es kippt.
Wie lange dauert eine Dissoziation?
Das reicht von Sekunden bis zu längeren Zeiträumen. Oft wirkt es nur wie ein kurzes Wegtreten. Entscheidend ist: Lass Dein Kind in diesem Zustand nicht allein und hol es heraus.
Kann ich den Notfallkoffer allein zusammenstellen?
Die Dinge schon. Das Wissen dahinter nicht — wann Du was anwendest, woran Du erkennst, was gerade passiert, wann Du aufhörst. Dafür braucht Ihr Begleitung durch Therapeut*innen, Berater*innen oder Pädagog*innen.
Hilft ein Eiswürfel bei Dissoziation?
Kälte hilft. Eis auf der Haut macht Kälteverbrennungen, und das geht schneller, als die meisten denken. Nimm kaltes Wasser, ein nasses Tuch oder geh mit Deinem Kind nach draußen.
Funktioniert der Notfallkoffer auch für mich selbst?
Ja. Über die Sinne läuft das bei Erwachsenen genauso. Was Dein Kind zurückholt, holt auch Dich zurück. Stell Dir Deinen eigenen Koffer zusammen, am besten mit Deiner eigenen Begleitung.
Was mache ich, wenn nichts wirkt?
Nach etwa drei Minuten wechselst Du zu etwas anderem aus dem Koffer. Bleib dabei, auch wenn es dauert. Wenn Dein Kind gar nicht zurückkommt oder Du Angst bekommst, ruf die 112.
¹ Peter A. Levine, Maggie Kline: Verwundete Kinderseelen heilen, Kösel, 2019 (Abschnitt „Übererregung und Dissoziation bei Jugendlichen”)
² Katharina Kautzsch, Impulse Potsdam (Handout Notfallkoffer)
Weitere Quellen: Katharina Kautzsch: Geborgenheitserleben in Krisen, Leid und Trauer, Edition Leidfaden, Vandenhoeck & Ruprecht, 2025 · Bessel van der Kolk: Verkörperter Schrecken